600jährige Eiche im verschneiten Lauenberger Wald

 

Wer vom “deutschen Wald” spricht, denkt unwillkürlich an knorrige Eichen, obgleich es nur wenige Wälder gibt, die wie im Märchenbuch aus solchen Baumgebilden allein bestehen. Das Laubdach eines Eichenwaldes ist fast nie dicht geschlossen, so daß in ihm die verschiedenartigsten Kräuter und Sträucher und auch andere Baumarten wie Ulmen, Ahorne und Hainbuchen gedeihen können. Warum die Eiche im Gedanken an den Wald eine besondere Stellung einnimmt, ist auf die große Rolle zurückzuführen, die sie in der Sagen- und Märchenwelt spielt. Wohl jeder kommt damit von Kindesbeinen an nachhaltig in Berührung.

Schon die alten Griechen nannten die Waldnymphen “Dryaden”, was “Eichenmädchen” bedeutet, und auch der Name “Druiden” für die keltischen Priester hat seinen Ursprung in “drys” dem griechischen Wort für Eiche, es waren die “Eichenkundigen”. Die lateinische und zugleich wissenschaftliche Bezeichnung “quercus” wiederum hängt mit “quaerere”, das heißt fragen, zusammen und erinnert daran, daß unter Eichen die Götterorakel stattgefunden haben. Der Eichenhain war heilig und damit auch der rechte Ort für Opferstätten, gleichgültig ob es Zeus, Jupiter oder Wotan gnädig zu stimmen galt – bis das Christentum die Eiche als heiligen Baum entthronte. Doch ihre Symbolkraft hat sie bis heute behalten: Sie ist noch immer Kennzeichen für Ruhm, Sieg, Treue und auch Frieden.

In Niedersachsen gibt es viele schöne Eichenwälder, unter denen sich auch Urwälder befinden, die jahrhundertelang von Axt und Säge verschont geblieben sind. Einer dieser Wälder liegt im Solling oberhalb von Lauenberg, und zwar unweit des Burghalses, auf dem jetzt noch die Ruine des alten, aus dem 11. Jahrhundert stammenden Jagdschlosses der Grafen von Dassel steht. Rund 6 Hektar groß, stellt dieser Wald die Wiege und zugleich das Sterbebett von nahezu 100 Eichenveteranen dar, die heute schon 500 und mehr Jahre alt sind und damit bereits grünten, als Kolumbus Amerika entdeckte. Da sie unter Naturschutz stehen, legt niemand Hand an sie – weder in ihrem Leben noch nach ihrem Tod.

Mancher dieser greisen Zeugen einer längst vergangenen Zeit ist schon gefallen und da liegen geblieben, wohin ihn die Gewalt des Sturmes geworfen hat, um allmählich zu Humuserde zu vermodern. Manch anderer dagegen wird weitere 100 Jahre, vielleicht sogar noch ein halbes Jahrtausend dem nagenden Zahn der Zeit zu trotzen mögen. Eichen können im Durchschnitt 900 Jahre alt werden. Man sagt von ihnen, daß sie 300 Jahre wachsen, 300 Jahre in voller Kraft stehen und 300 Jahre sterben.

Ursprünglich war der Berghang oberhalb von Lauenberg ein Hutewald, der wie viele weitere Wälder des Sollings und andere Berggebiete des südlichen Niedersachsens als Viehweide diente. Noch heute führt zu ihm die Lauenberger Trift empor, über die früher das Vieh in den Wald getrieben wurde, In der Tierernährung ist auch der Grund zu suchen, warum diese Eichen so weiträumig standen. Ihre Kronen mußten frei im Licht sein, damit sie sich breit ausladend entwickeln und möglichst viele Eicheln hervorbringen konnten. Eicheln – die Forstleute nennen sie einfach “Mast” bildeten hier wie anderswo in früheren Jahrhunderten die Grundlage der Schweinemast, bis sie von den sich nach und nach ausbreitenden Kartoffeln abgelöst wurden. Und für die Wiederkäuer Ziege und Rind wuchs zwischen den weit auseinander stehenden Eichen genügend Gras. Ziegen und Rinder mußten alljährlich bis zum Michaelistag, dem 29. September, die Waldweide verlassen haben. Denn dann fielen die Eicheln, und es begann der große Festschmaus der Schweine.

Heute sind bizarren Baumgebilde von Lauenberg, die wegen ihrer Knorrigkeit und Kurzschäftigkeit weder jemals vom Schreiner noch vom Böttcher oder vom Faßbinder begehrt worden sind, von Birken, jüngeren Eichen und allerlei Strauchwerk umstanden. Wer sich dieLauenberger Trift hinaufbemüht und das in das Naturschutzgebiet führende Gattertor durchschritten hat, kann jedoch unschwer im Bestand der jungen Eichen die alten, dicken erkennen. Solche Bäume gaben sich auch einstmal die rechte Kulisse für das räuberische Dasein des Raugrafen von Dassel ab, der als letzter die Lauenburg – das bedeutet “Löwenburg” – bewohnt hat und der Sage nach der List seines wackeren Koches namens Holzlöhner das sonst verwirkte Leben verdankte. Er wäre von einer Schar von ihm beraubter Nachbarn, die die Burg belagerten, umgebracht worden, hätte ihn der kräftige Koch nicht in einer Kiepe bei freiem Geleit bis Seelzerthurm getragen. Die Burg jedoch wurde von den Belagerern niedergebrannt.

Die alten Bäume von Lauenberg sind Traubeneichen, die im Gegensatz zu den im niedersächsichen Flachland vorherrschenden Stieleichen keine so hohen Ansprüche an die Bodengüte stellen. Zudem ist die Traubeneiche nicht so wärmebedürftig wie die Stieleiche. Der äußerlich sichtbare Unterschied zwischen den beiden in Niedersachsen heimischen Haupteichenarten besteht darin, daß die Stieleiche langgestielte Eicheln besitzt, die Traubeneiche dagegen kurzgestielte, die zu mehreren in Trauben zusammensitzen. Eine dritte Art, die in Niedersachsen immer häufiger angepflanzt wird, ist die an ihren großen, spitz gezackten Blättern zu erkennende Roteiche. Sie ist vornehmlich in Parkanlagen, Gärten und auch als Alleebaum anzutreffen und wegen der prächtig roten Herbstfärbung ihres Laubes besonders beliebt.

Die Lauenberger Huteeichen gewähren vielen Waldbewohnern Schutz und Unterkunft. Mancher dieser Bäume ist gleich in drei Etagen bewohnt: Die hohen Stammfüße bieten Fuchs und Iltis Unterschlupf, in den mittleren Stammteilen hat sich der Baummarder angesiedelt, und in Astlöchern hausen Eulen und andere Vogelarten. Sicherlich hat sich in diesem oder jenem hohlen Stamm auch der Waschbär, der in der deutschen Wildbahn als unerwünschter Fremdling gilt, eine Bleibe gesucht, in die er sich tagsüber verkriecht.

 
 
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