Erinnerungen

Gedanken und Erinnerungen des Lauenberger Gemeindedirektors Koch nach Ende des 2. Weltkrieges

Eine Dorfgemeinde im Kreise Einbeck, zählt zur Zeit 1600 Ein- wohner. Hiervon sind die Hälfte Vertriebene, Ausgebombte und Evakuierte. Die Altbürger sind ausschließlich Evangelisch- Lutherisch, unter den Neubürgern befinden sich eine Anzahl Katholiken. Der Ort liegt an der Provinzial Chaussee Markoldendorf- Moringen, Kreis Northeim. Die Diesse, ein Bach der bei Fredelsloh seine Quelle hat und bei Holtensen in die Ilme mündet, durchfließt in seiner ganzen Länge das Dorf.

Begrenzt wird der Ort im Osten von der Kappe und Eichfast, im Westen: vom Grubenberg, Burghals, der Ruine der ehemaligen Löwenburg, südlich- östlich: vom Ohrenberg, Birkenberg, Henneckenberg, südlich: von der Platte, nördlich: vom Diessetal und von Dornhagen. Es kann gesagt werden, daß das Dorf von Bergen und Wäldern eingeschlossen ist. Die nächste Bahnstation ist der Bahnhof der Ilmebahn in Markoldendorf. Diese Kleinbahn die die Verbindung von Kassel bis nach Salzderhelden herstellt. Die Bürger unserer Gemeinde sind in der Mehrzahl Kleinlandwirte und Waldarbeiter.

Fleischerei Wauker vor dem 2. Weltkrieg

Das Staatliche Forstamt Seelzerthurm, das zur Gemeinde Lauenberg gehört, verwaltet die Förstereien Lauenberg, Platte und Grasborn. Der Ort hat eine evangelisch- lutherische Kirche, deren Einweihung im Jahre 1778 erfolgte. Die Gemeindeverwaltung und das Standesamt untersteht dem Gemeindedirektor Fritz Koch, politischer Bürgermeister ist Heinrich Kraus.

Gehen wir auf 60-70 Jahre zurück, so stellen wir fest, daß zu dieser Zeit die Wälder bis unmittelbar an die Häuser des Dorfes reichten. Erst nach dem Krieg von 1870 / 71 wurde der Hullerser Grund der Gemeinde vom Forstfiskus eigentümlich übergeben und von den Bürgern als Ackerland urbar gemacht. In den Jahren 1884 / 1887 erfolgte die sogenannte Flurbereinigungsseparation, hierorts Verkopplung ge- nannt. Leider wurden den Kleinlandwirten ihre berechtigten Forderungen nicht erfüllt, wohingegen die Bauern erhebliche Vorteile erhielten.

Heuernte in früheren Zeiten

Von dem Forstmeister Lamprecht vom Forstamt Seelzerthurm, der in den Jahren 1884 / 1911 amtierte, wurde unsere Gegend dem öffentlichen Verkehr weitgehend erschlossen. Die Größe der Gemarkung beträgt 830 ha, der Landbesitz der Evangelisch- Lutherischen Kirche 25 ha. Seit Menschengedenken haben die Lauenberger einen zweifachen Beruf ausgeübt, sie waren Waldarbeiter und Kleinlandwirte. So schufen sich die Vorfahren, Großeltern und Eltern durch harte Arbeit und Entbehrungen die heute vorhandenen Existenzgrundlagen. Der Weg war lang, doch der Lohn der Arbeit blieb nicht aus, ist doch heute ein kleinbürgerlicher Wohlstand im Dorfe sichtbar.

Mobilmachung 1939

Die Mobilmachungstage verliefen still, von einer Kriegsbegeisterung wie sie im Jahre 1914 unter den Menschen vorhanden war, war nichts zu spüren. Es kann sogar gesagt werden, daß in den Familien eine gedrückte Stimmung vorhanden war.

1943 Großmutter mit Enkel

1943 / 1945

Bis zum Jahre 1943 hat das Dorf nur eine Kriegsschadenszufügung erlitten. Mitte Oktober 1943 war es um die Mittagszeit, als die Scheune des Waldarbeiters Wilhelm Peckmann, Haus 75, in einer halben Stunde niederbrannte. Das Feuer entstand durch den Abwurf von Phosphorbrandzünder feindlicher Flugzeuge. An diesem Tage wurden auch auf den Feldern von Lauenberg, Hilwartshausen und Rotenkirchen Phosphorbrandzünder abgeworfen, so daß kleinere Wiesenflächen und Hecken ausbrannten. In diesen Jahren wurde das Dorf, Tag und Nacht, oft von starken Fliegerverbänden überflogen. Bombenabwürfe geschahen nicht, auch keine Kampfhandlungen mit deutschen Fliegern. Doch ereigneten sich zwei Abstürze von einem englischen und einem amerikanischen Bomber. Nicht weit von der Försterei Grasborn stürzte ein englischer Bomber ab. Es wurde damals gesagt, daß der Bomber von der deutschen Abwehr in Hannover beschossen wurde und schweren Schaden erlitten habe. Der Bomber wurde vollständig zertrümmert. 6 Mann der Besatzung fanden den Tot, während der 7. Engländer unverletzt in deutsche Gefangenschaft kam, er wurde nach Göttingen gebracht. Die 6 Engländer wurden am 18. Januar 1944 auf dem Friedhof in Lauenberg beigesetzt. Später wurde bekannt, daß der englische Bomber kanadische Flieger an Bord hatte. Im Juni 1947 hat eine englische Militärkommission die Kanadier nach dem Militärfriedhof nach Hannover überführen lassen.

Der zweite Absturz eines amerikanischen Bombers geschah im Waldgebiet " Eichfast " , Ostseite des Dorfes. Dieser Bomber soll bei Holzminden von der deutschen Abwehr schwer getroffen worden sein. Dieser Dreimotorenbomber hatte bereits unterwegs einen Motor verloren. Im Walde des " Eichfasts " stürzte der Bomber ab, und die 8 Mann starke Besatzung die unterwegs einzeln abgestürzt waren, fanden sämtlich den Tot. Auf dem Friedhof in Lauenberg wurden sie beerdigt.

Durchmärsche deutscher Formationen

Vor und nach der Kapitulation durchzogen deutsche Truppen und kleinere und größere Trupps von Soldaten den Ort, alle in der Richtung nach den Westen. Oft hielten sie in den Wäldern Rast, auch in den Häusern fanden Soldaten Aufnahme.

Kurze Kampfhandlungen auf der Nordseite des Dorfes

Es war am 11. April 1945, um die Mittagszeit, als von Hilwartshausen und vom Hackeberg amerikanische Panzertruppen nach Lauenberg vorrückten. In den Wäldern hielten sich zu dieser Zeit noch kleinere Gruppen von deutschen Soldaten auf. In der Nähe der Häuser Bode und Hennecke, in der Hilwartshäuser Straße, schossen zwei deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen auf die amerikanischen Panzer. Die Panzer erwiderten sofort das Feuer, die Soldaten ergriffen die Flucht. In der Giebelwand des Hauses von Hennecke schlug ein Panzer- geschoß ein. Die Panzer vom Henneckenberg kommend fuhren bei Herbst`schen Gehöft vorüber und vereinten sich mit den Panzern die von Hilwartshausen kamen. Am Friedhof nahmen die Panzer Aufstellung, der letzte Panzer stand vor dem Hause des Wilhelm Hennecke.

Bald darauf ereignete sich ein zweiter Zwischenfall. Panzer die am Friedhof standen, schossen nach dem Hause des Lehrers Traupe, Ortsteil " Cloabstähr ". Vier Granaten wurden nach dieser Richtung abgeschossen. Der Grund der Schießerei war das Erscheinen von deutschen Soldaten vor dem Traupe`schen Hause. Frauen aus diesem Hause schwenkten weiße Tücher, worauf das Feuer aufhörte. Auch nach dem " Eichfast " , nach dem Tannenkamp schossen die Panzer, am Rande des Tannenkamp entstand ein kleiner Waldbrand, der aber bald von Lauenbergern gelöscht wurde. Am Hackeberg und auf der Chaussee Hilwartshausen wurden etwa 30 deutsche Soldaten gefangen, die mit den Panzern fortgeführt wurden. An der Lehmkuhle und in der nähe vom Forstamt Seelzerthurm hatten sich an den Straßengräben kleinere Gruppen deutscher Soldaten eingegraben.

Zu einem Feuergefecht kam es an diesen Stellen nicht, doch wurde ein deutscher Soldat, etwa 18 Jahre alt, als er die Flucht ergriff, von einem Panzer aus mit einem Gewehr erschossen. Der Soldat wurde auf dem Lauenberger Friedhof beerdigt, er stammte aus der Gegend von Helmstedt. Nicht unerwähnt soll bleiben, die Äußerung eines amerikanischen Offiziers, der da äußerte: " Die Lauenberger sind friedliche Menschen, trotzdem der Feind im Dorfe ist, sind sie auf dem Acker und arbeiten."

Amerikanische Einquartierung

Die amerikanischen Truppen, die hier in der Schule und im Jugendheim sich einquartierten kamen aus Göttingen. Die Einwohnerschaft wurde nie belästigt, auch die öffentliche Ordnung nicht gestört. Erwähnt muß werden, daß kranke Einwohner von einem amerikanischen Truppenarzt behandelt wurden, und wenn es notwendig war, wurden die Kranken mit dem Sanitätsauto zum nächsten deutschen Arzt oder nach Einbeck ins Krankenhaus gefahren. Anfangs bestand ein Ausgangsverbot: ab 8 Uhr abends, später am 9.10. um 11 Uhr.

Keine Übergabe des Ortes

Die Ortsbehörde oder die Bürger der Gemeinde sind wegen Übergabe des Ortes mit den amerikanischen Truppen nicht in Verhandlungen getreten, Geiseln wurden nicht festgenommen, Überfälle oder Plünderungen fanden nicht statt.

Volkssturm

Im Herbst des Jahres 1944 wurde auf Anweisung der Kreisleitung der NSDAP der Volkssturm errichtet. Der Führer war ein Landwirt aus Ellensen, die Stärke der hiesigen Gruppe betrug etwa 40- 50 Personen. Die Altersgruppe lag zwischen 45- 60 Jahren. Nur einigemale erfolgte ein Geländedienst und ein Kleinkaliberschießen in einem Steinbruch. Waffen, Munition, Uniformen, Wagen oder Geräte standen nicht bereit, nur Armbinden waren vorhanden. Drei Tage vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen fand vor dem Hagedorn`schen Gastlokal ein Appell durch einen Angestellten der Einbecker Kreisleitung der NSDAP statt. Dieser forderte die Volkssturmmitglieder auf, eine Straßensperre gegen Fredelsloh anzulegen, da von dort die amerikanischen Truppen zu erwarten sind. Er schloß seine Ansprache mit den Worten: " Wer sich von euch vom Bauen ausschließt oder sich sonst feige benimmt, wird erschossen! " An der Grenze zwischen Lauenberg und Fredelsloh, etwa 100 Meter nördlich der Holzmühle, wurde eine Holzsperre und Drahtver- flechtungen hergestellt, die aber nach kurzer Zeit von deutschen Panzern überfahren und hierdurch unbrauchbar wurden.

Genau 2 Tage vor dem Erscheinen der amerikanischen Panzer aus der Richtung Fredelsloh und zwar um die Mittagszeit erschien aus dem Nachbardorf Wellersen der Volkssturm in einer Stärke von 20- 30 Mann, hiervon war kaum die Hälfte mit Handfeuerwaffen ausgerüstet. Diese Mannschaft hatte sich die Aufgabe gestellt, die amerikanischen Panzer aus der Richtung Fredelsloh vor dem Dorfe Lauenberg kämpfend aufzuhalten. Ein Vorhaben im höchsten Grade töricht und für Lauenberg gefahrdrohend. Dank beherzter Frauen und Männer von Lauenberg, die den Leuten aus Wellersen energisch entgegen traten, wurde ein Unheil, ja man kann sagen eine Katastrophe, verhindert. Auch an diesem vorletzten Tage vor der Kapitulation durchfuhren noch einmal deutsche Panzer unser Dorf. Oben südlicher Ausgang, unweit der letzten Häuser, wurde ein deutscher Panzer gesprengt. Treibstoffmangel soll der Grund gewesen sein. Noch heute steht die Panzerruine an der linken Chausseeseite, ein trauriger Anblick.

Waffentragen verboten

Die Militärregierung verbot der Polizei und den Forstbeamten das Waffentragen. Diese Verbote bringen große Nachteile. Verbrechen und Vergehen steigen rapid, auch die Unsicherheit in den Dörfern ist groß. Ein Polizeiorgan ohne Waffe ist wertlos. Die Fortnahme der Waffen bei Förstern und Jägern hat zu schweren wirtschaftlichen Schäden geführt. Es ist eine gewaltige Vermehrung des Schwarzwildes eingetreten. Diese Vermehrung hat der Landwirtschaft großen Schaden zugefügt. Saaten, Getreide und Kartoffelfelder werden von diesen in Massen auftretenden Wildschweinen zerstört und vernichtet. Diese Schäden und Notstände sind seit Jahren bekannt, aber eine durchgreifende Hilfe wurde bis heute nicht gewährt.

Kartoffelernte in Lauenberg

Zeitgedanken

Wenn auch unser liebes Heimatdorf von kriegerischen Kampf- handlungen, von Zerstörungen und Plünderungen verschont blieb, so sah es doch die Nöte und das Elend die der Krieg dem deutschen Volke zufügte, wohnen doch über 900 Heimatvertriebene im Dorfe. Dunkel liegt vor uns die Gegenwart noch viel unsichtiger die Zukunft. Haßerfüllt stehen sich die Menschen in allen Staaten Europas gegenüber. Länderraub, Vertreibungen von vielen Millionen deutscher, Demontage und andere Geschehnisse machen das Volk immer ärmer. Vor uns ein tiefer Abgrund! Müssen wir weiter stürzen? Wollen wir uns selbst vernichten? Wollen wir nicht gemeinsam eine Brücke bauen? Ein Brücke über den Abgrund! Die hinüberführt auf das andere Ufer! Drüben lockt ein neuer Tag- ein neues Morgenrot! Bauen wir einen neuen Weg- Die neue Brücke! Dort steht ein Wegweiser, dort stehen die Worte:



Friede,
Gerechtigkeit,
Wahrheit,
Liebe,
Heimat,
Vaterland.

Allen Gewalten,
zum trotz sich erhalten,
nimmer sich beugen,
kräftig sich zeigen,
rufet die Omen,
der Götter herbei.

Lauenberg, den 19. November 1947
Der Gemeindedirektor

 
 
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